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Karlsruhe ist das Zentrum der neuen Brechtschreibung

„Aus Karlsruhe kommt die neue Brechtschreibung.“

Brecht-Brille

„Ich will nichts lieber als etwas anders“, notierte Brecht 1925 und umschrieb damit sein Programm, dass alles Änderung brauche. Ausgerechnet dieser Dichter wurde im Osten Deutschlands, wo er von 1949 bis zu seinem Tod 1956 lebte und arbeitete, mit dem Stigma des finsteren und humorlosen Marxismus versehen und war im Westen verrufen als Kommunist, Hofsänger Pankows oder gar als Befürworter von Standgerichten, wenn es die Parteidisziplin angeblich verlangte.

Über Weltanschauungen, Meinungen und feste Überzeugungen machte sich der 1898 in Augsburg geborene Brecht ein Leben lang lustig. Über Weltbilder urteilte er, sie seien viel zu mickrig, um die Realität zu erfassen. Von seinen Anschauungen sagte er, er vergesse sie immer wieder, könnte sich aber nicht entschließen, sie auswendig zu lernen. Über Ethik (und dann auch vielleicht noch 'marxistische') lachte er ausdauernd und schallend, weil mit moralischen Grundsätzen immer nur die prahlten, die gewillt waren, sich nicht daran zu halten. Von der Bourgeoisie meinte er, sie verachte das Geld, tue aber nichts anderes, als es zu scheffeln. Und im Zweifelsfall forderte er sogar Zensur: "Zu der Literatur gehört der Blaustift. In den Liebesgeschichten muß ausgemerzt werden, was die Geschlechtlichkeit herabsetzt und zur Enthaltsamkeit aufreizt. Besonders, da man damit rechnen muß, daß die Bücher in die Hände unserer Jugend fallen könnten."

Dagegen lobte Brecht die Vergänglichkeit; sie gehöre sowohl zum Leben als auch zur Kunst und ihrer Schönheit; seine Begründung: sie erhöhe den Genuss. Für sein Theater forderte er den Spaß, denn ein Theater, in dem man nicht lachen könnte, sei ein Theater, über das man lachen sollte. Die Prinzipien seines Theaters erläuterte er an einer Straßenszene, weil es natürliches episches Theater sei, wenn der Augenzeuge eines Unfalls der Menschenansammlung erläutert, wie er zustande kam: Leben und Kunst sind gar nicht so weit auseinander, denn alle Künste trügen bei zur größten aller Künste, der Lebenskunst.

Die Kunst zu leben und dabei noch - in kurzer Lebenszeit - ein gewaltiges, universelles Werk zu verfassen, wie ging das in "finsteren Zeiten"? Allein in Deutschland musste Brecht fünf verschiedene und ihm durchaus nicht wohlgesinnte Staatsformen ertragen. In 15 Jahren wurde er einmal um die Welt gejagt: Dänemark, Schweden, Finnland, die USA und die Schweiz waren seine Zwangsstationen in der Verbannung. Und in der DDR? Auch da handelte es sich - spätestens nach dem 17. Juni - auch mehr um ein Exil als um ein angebliches sozialistisches Vaterland.

Es ist an der Zeit, ohne ideologische und pseudo-psychologisierende Brillen den Brecht zu zeigen, der sich gerade wegen der widrigen Verhältnisse, denen er ein Leben lang ausgesetzt war, als kritischer Realist verhalten musste, um durchzukommen, erfolgreich zu sein und den Lebensmut nicht zu verlieren.

 

In diesem 2009. Jahr wird die Arbeitsstelle Bertolt Brecht (ABB) 20 Jahre alt. Das wollen wir feiern, und zwar möglichst auf hohem Niveau, mit vielen Leuten und mit viel Vergnügen. Im Zentrum steht eine Ausstellung, die den Titel trägt:

 

Glotzt nicht so romantisch! 20 Jahre ABB = 20 Jahre Brecht und Karlsruhe

Sie wird im Prinz-Max-Palais vom 24. April bis zum 24. Mai 2009 zu sehen sein. Zur Zusammenarbeit konnten wir gewinnen: die Literarische Gesellschaft Karlsruhe und das Stadtmuseum, als Kooperationspartner und Gestalter: die Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe, Studierende des Projekt-Oberseminars der Semester 2008/09 und 2009 sowie freie Künstler, darunter Heike Boehnke, Sevim Bäuerle und Andreas Zinn (alle Karlsruhe).

Geplant sind mehrere Begleitveranstaltungen, u. a. eine Brecht-Collage von Werner Hecht in Zusammenarbeit mit dem ZDF-Theaterkanal und dem Sandkorn-Theater, Fortsetzung der >Poetogramme< zu Brechts Lyrik, Kabarett sowie begleitete Führungen. Annette Postel und Gunzi Heil werden noch ein zusätzliches Glanzlicht setzen.

Die Ausstellung gibt in multimedialer Präsentation einen Einblick in die arbeitsteilige sowie >technifizierte< Arbeitsweise des Dichters, dokumentiert den Entstehungsprozess der Ausgaben vom Autografen bis zur Datenbank und stellt sowohl die lokale und nationale als auch die weltweite Vernetzung eines erfolgreichen Karlsruher Wissenschafts-Unternehmens vor. Sie soll – angesichts der Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit von Brechts Werk – die Augen öffnen für einen neuen, unbekannten und vergnüglichen Brecht, aber auch zeigen, wie er z. B. in der ehemaligen DDR vereinnahmt und als finsterer (kommunistischer) Ideologe denunziert wurde. Über die Arbeit mit seinem Werk entsteht ein Bild des Dichters an der Arbeit an seinem Werk.

Flyer zur Ausstellung

Website zur Ausstellung

 

Alles braucht Änderung!

Eine Brechtmatinée mit Annette Postel, Gunzi Heil, Klaus Webel und Jan Knopf
Sonntag, 26. April 2009, Prinz-Max-Palais

Weltliteratur und Jahrmarkt, das war der Spagat, den Bertolt Brecht in seiner stets virulenten Vielseitigkeit immer waghalsig lustvoll ausbalanciert hat. Zwischen derben Saufliedern und feinster Liebes-Lyrik, zwischen Schaubude und Ballsaal, mal Baal mal ganz banal produzierte und okkupierte er sämtliche Spielformen die auf Brettern, ob Varieté-, Kabarett- oder Theaterbühnen überhaupt gesungen, geklampft, getanzt oder gespielt werden können. Gleichzeitig durchzieht ein Grundsatz sein ganzes Schaffen, nämlich die Offenheit, dass seine Texte eine Rohmasse darstellen, die, nicht nur von Musikern, immer wieder neu bearbeitet, gewandelt, geknetet, variiert, ja selbst parodiert werden müssen/dürfen/sollen. Genau diese Offenheit nutzen die Akteure: Annette Postel, die Lotte Lenya-Preisgekrönte Sängerin, am Flügel begleitet von Klaus Webel, präsentiert kurzweilliges und errechnet wie viele Groschen eine Oper wohl heute überhaupt noch wert ist. Gunzi Heil, der kabarettistische Wirbelwind, durchkämmt zwischen Songs und Balladen den Generationenkonflikt von Mutter Courage und ihren Kids auf der Suche nach dem Klingelton von Mahagonny. Die historischen Querverweise und schöpferischen Seitensprünge dazu liefert Jan Knopf, der in 20 Jahren Abreitsstelle Bertolt Brecht nicht nur den Jahrhundertautor in allen Verästelungen aufgeblättert hat, sondern auch gerne an den morschen Ästen überkommener Lesarten sägt.

Die Matinée findet im Rahmen der Ausstellung: »Glotzt nicht so romantisch!« 20 Jahre ABB = 20 Jahre Brecht und Karlsruhe statt. Im Anschluss besteht natürlich die Möglichkeit die Ausstellung zu besuchen.